Gedichte *
sommer in berlin
südlich glühende tage im Juni
blicke in augen versenkt
gespräche heiter und leicht
wie das schwirren der mauersegler
gaben wir mund und hände
als sehnsüchtiges pfand der haut
kneipennächte mit rotwein, draußen
berliner juli schlug blitz und funken
zündelte an uns herum
bis lust uns bettete
anders der august:
augenblicke am du vorbei
freundschaft erfolglos verhandelt
händedruck ohne wehmut
grau gähnte die stadt
schlurfte weiter im jahr
kühler ist es auch geworden
Tagesgewinner
Wärmst mich mit unbändigem
Lachen, meinem Zögern geschmeichelt
Dein Mund und mein rascher Atem
schmelzen unsere Vorsicht ein
Meine Achselhöhlen sind Nistplätze
unserer Geheimnisse, verborgen
weiche Wölbung der Wünsche
An meiner Haut reißt du dein Feuer an
entriegeln wir unsere Sperrgebiete
Dieses Lachen, das aus dir herausbricht
spielt den Tag an die Wand
Rücksturz
Wenn er kam
im blauen Arbeitsanzug, mürrisch in die Küche kam, mit schwerem Schritt
zu Abendessen, Zeitung und Katze
wenn der Vater kam, nach der Schicht, brachte er Geruch
von Hanf von Werg mit
Tisch mit Wachstuch, ein Sofa in der Ecke, blau geblümt
mein Kissen für den Mittagsschlaf
Weil der Klempner heute das Gewinde mit Werg dichtet, flutet Duft herüber der mich nach einem halben Leben zurückschleudert zum Küchenherd, zum Feuer, zum Anfang, zum Fell der Katze
Die schmale Küche mit der grün gestrichenen Tür, dem unverwechselbaren Klang des Türschlosses, das später
hinter mir zufiel
rückbiegung
flach am ohr vorbei
zittert ton kurz verfremdet
mein name/
echot in der halle/
unter entlüftungsmetall/dickes rohr
nicht umdrehen sagt das gehirn
sendet signale/stimuliert nervenbahnen:
gehen/wohin/gehen
füße aufsetzen abrollen
bewegung in dynamischer drehung
wirbelt winkelt/im kontakt zum boden
zu poliertem steinmeer/glatt glänzend gefährlich
nicht umdrehen auf keinen fall
synapsen wispern/die richtige zahl
der kopf würfelt
schweigen als möglichkeit des entschlusses
wilde drehungen/feuerwerk
hinter der stirn/
nicht weiter keinen schritt weiter
spuckt wieder metallische stimme in die schalterhalle, wirft sie in toiletten, flugsteige
last call
aufgeteilt name klang und körper/last call
augen starren/
nicht auf mich/blinkt anzeigetafel/coffeeshop glitzert duty free
nicht gehen nicht weiter gehen
scheitern/
zu bruch gehen lassen, gerade hier/jetzt
nicht weiter gehen
offen das/nie mehr.
den koffer lassen wo er ist/die hoffnung lassen/
wo sie ist,umdrehen.
zurück zum ausgangspunkt gehen. keine 4000 mark einziehen
ausgesetzt die strafe
geöffnet/die lichtschranke
Ingrid Gorr: alle Gedichte sind veröffentlicht,
die Rechte liegen bei mir.